Warum sich Straßenmotorräder heute tatsächlich nur auf der Straße wohlfühlen
Mein alter Herr war einstens als Kradmelder mit der Großdeutschen Wehrmacht in Russland unterwegs. Dabei mussten ganz normale Motorräder auch mit schlechten Straßen und sogar mit Gelände fertig werden. Außerdem war für Vatern die Vorderradbremse des Teufels. Heute kennen wir das ganz anders. Warum unterscheiden sich Motorrad-Fahrverhalten früher und heute so extrem?
Ich bin ja bekanntlich ein Extremfall eines BAB, eines Born again Bikers. 40 Jahre nachdem ich von meiner guten, alten Zündapp Falconette abgestiegen war, stieg ich auf eine Yamaha XV 535 Virago und bekam das unterschiedliche Motorrad-Fahrverhalten früher und heute extrem deutlich zu spüren.

Ganz vereinzelt gibt es bei uns noch kleine Landstraßen, die nicht asphaltiert oder betoniert sind sondern wie Forststraßen eine Fahrbahndecke aus Mineralbeton besitzen. Wir bezeichnen das wir umgangssprachlich als Kalkwege. Und auf einem solchen wurde ich vom veränderten Fahrverhalten moderner Motorräder kalt erwischt.
Schockierender Unterschied beim Motorrad-Fahrverhalten früher und heute
Auf einer meiner ersten kleineren Touren in der Umgebung kam ein solches Sträßlein vor, das ich auch mit dem Auto hin und wieder als Schleichweg benutze. Mit dem Auto kein Problem, man muss lediglich beachten, dass die Bodenhaftung geringer ist als auf Asphalt oder Beton. Das gleiche war mit meinen früheren Zweirädern der Fall: Mofas aus den Siebzigern, Mopeds und Mokicks aus den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern. Auch Motorräder aus der Zeit des ersten Motorradbooms in den Fünfziger Jahren – sie alle konnte man auch auf Mineralbeton, Schotter, Kies, Gras und dergleichen, sogar auf festgefahrene Schneedecke bewegen. Mit der gebotenen Vorsicht natürlich, aber im Prinzip ohne Probleme.

Die Virago, so schön sie sich auf regulären Straßen auch fuhr, wurde auf dem Mineralbeton fast unbeherrschbar. Nicht mal 50 km/h waren drin und auch bei niedriger Geschwindigkeit musste ich ständig mit Körpereinsatz das Ausbrechen der Maschine verhindern. Als ich kurz darauf einmal zusammen mit meiner damaligen Lebensgefährtin eine Tour über das Härtsfeld machte, ging es auch ein Stück über solch eine Kalkstraße. So ungehalten habe ich die Dame vorher und nachher nie gesehen. Ich solle mir ja nicht einfallen lassen, meinte sie fuchsteufelswild, sie noch mal über einen solchen Streckenabschnitt zu lotsen. Obwohl sie ein recht kräftiges Mädel war, hatte ihre deutlich schwerere Honda CBR 1000 sie vermutlich noch um einiges gnadenloser geschlaucht als mich die kleine Virago. Mit meiner Elfie, der großen Schwester der kleinen 535er, meide ich solche Untergründe natürlich erst recht.
Paradigmenwechsel im Fahrwerkbau und bei den Reifen…
Natürlich war das Motorrad von jeher auch Sport- und Spaßgerät. Vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Motorradbooms der fünfziger Jahre war es aber in erster Linie ein Verkehrsmittel. Und dafür wurde es gebaut. Vielleicht ist das heute kaum mehr vorstellbar, aber noch in den fünfziger Jahren waren noch lange nicht alle Landstraßen asphaltiert oder betoniert. Während man heute mit einem Straßenmotorrad auch auf der Straße bleibt, musste man früher schon auch mal über Schotterwege, Gras, Sand oder solche Dinge fahren. Deswegen auch das unterschiedliche Motorrad-Fahrverhalten früher und heute.

Heute hat man für die alltäglichen Wege in aller Regel ein Auto. Das letzte Stück zum Schrebergarten über einen Kalkweg oder zum Baggersee über Kies oder Gras kann man damit auch heute noch fahren. Ein Straßenmotorrad kann daher mehr oder weniger kompromisslos dafür ausgelegt sein, auf Asphalt und Beton zu funktionieren. Daran orientiert sich heute sowohl die Konstruktion des Fahrwerks als auch die Beschaffenheit der Reifen.
… machen den Unterschied beim Motorrad-Fahrverhalten früher und heute
Schmalere Reifen schneiden eher in den Untergrund ein und ersetzen dann durch Seitenführung ein wenig das, was durch weniger Griffigkeit verloren geht. Moderne Motorräder haben viel breitere Reifen. Wenn die Seitenführung durch Reibung abnimmt, ist nichts da, was sie ersetzt.
Natürlich spielt auch die Konstruktion des Fahrwerks für das unterschiedliche Motorrad-Fahrverhalten früher und heute eine Rolle. Die Motorräder früherer Zeiten hatten mehr Gewicht auf dem Vorderrad, sodass dieses nicht so leicht seitlich weg rutschte. Weichere Federung bewirkten, dass die Räder Bodenunebenheiten besser folgen konnten. Die strafferen Federn heute in Verbindung mit starker Dämpfung lassen die Räder auf Schotter zum Beispiel leicht springen.

Fahrwerkskonstruktion und Gewichtsverteilung sind auch der Grund, warum man früher tatsächlich hauptsächlich mit der Hinterradbremse bremsen musste und heute die Vorderradbremse viel stärker einsetzt. Die physikalische Tatsache, dass man vorne im Verhältnis umso stärker bremsen muss, je stärker man verzögert, kommt bei modernen Motorradkonstruktionen voll zum Tragen. Bei den Motorrädern früherer Zeiten wird sie sozusagen von deren Kopflastigkeit überlagert.
Moderne Straßenmotorräder können nur Straße und mehr müssen sie nicht können. Frühere Motorräder waren auf nichts spezialisiert und konnten daher alles, zumindest einigermaßen. Wollte man ernsthaft im Gelände fahren, zog man Stollenreifen auf, montierte einen breiten Lenker und legte eventuell noch den Auspuff hoch. So etwas nannte man Scrambler und man konnte damit sogar Wettbewerbe fahren. Es gab ja nichts anderes und folglich konnte die Konkurrenz auch nichts besseres haben.
Diversifizierung bei den Motorradtypen
Als nun Straßenmotorräder kompromisslos nur noch für die Straße geeignet waren, hätte es nichts mehr gegeben, mit dem man hätte auf schlechten Wegen und im Gelände fahren können. Es ist kein Zufall dass im zweiten Motorradboom schon bald die Enduros aufkamen. Das waren Motorräder, die speziell fürs Gelände gemacht waren, aber auch auf der Straße funktionierten. Also etwa umgekehrt wie die alten Straßenmotorräder, die eigentlich für die Straße gedacht waren, aber auch mit schlechten Wegstrecken und Gelände zurecht kamen.

Verfolgen wir das Motorrad-Fahrverhalten früher und heute weiter, spalten sich die Fahrwerksphilosophien noch weiter auf. Eine Reiseenduro etwa leistet in etwa das, was die alten universellen Motorräder auch konnten: Sie fahren sich gut auf der Straße, eignen sich aber auch wunderbar für schlechte Wegstrecken und bedingt fürs Gelände.
Motorräder für die Straße
Die reinen Straßenmaschinen kommen heute sogar in unterschiedlichen Ausprägungen daher. Supersportler etwa sind praktisch vollwertige Rennmaschinen mit Straßenzulassung. Reine Schnellfahrmaschinen, nicht zum Reisen oder gemütlichem Herumbummeln gedacht. Streetfighter sind in gewisser Weise entschärfte Supersportler, sie haben keine Verkleidung und breitere Lenker als diese. Supermotos stammen von den Enduros ab, adaptieren deren Wendigkeit aber für die Straße. Mit ihnen fährt man auch Rennen auf Kursen, für die man diese Art von Motorrad braucht. Mit Sporttourern schließlich kann man sowohl flott heizen als auch Touren unternehmen.

Naked Bikes und die ihnen nahe verwandten Roadster kommen den Motorrädern frühere Zeiten noch am nächsten, wobei sie allerdings nur auf befestigten Straßen funktionieren. Man kommt mit ihnen im Alltag auch wieder fast überall hin, weil nahezu alle für Kraftfahrzeuge erlaubten Straßen heute betoniert oder asphaltiert sind. Das ist das Naked Bike im engeren Sinne, also das was man heute darunter versteht. Dem Wortsinn nach wäre eigentlich jedes Motorrad ohne Verkleidung ein „nacktes“, also ein Naked Bike. Wenn man ein Naked Bike mit ein paar Rennteilen aufpeppt, bekommt man einen Cafe Racer. Ursprünglich musste man sich solch ein Motorrad auf Basis eines Allerweltsmotorrades selbst zusammenschrauben, heute kann man es auch fertig kaufen,
Motorrad-Fahrverhalten früher und heute: Sonderfall Chopper
(Soft-)Chopper oder Cruiser dienen zum Spazierenfahren und sicherlich auch zum Sehen und gesehen werden. Entstanden sind sie aber als Motorräder zum Schnellfahren: Man baute alle Teile ab, die nicht unbedingt notwendig waren, um die Maschinen schneller zu machen. Die langen Gabeln und hohen Lenker kamen erst später.
Der Motorradfahrer-Kultfilm „Easy Rider“ vermittelt dann das Bild des Choppers, mit dem man die langen, geraden Highways in Amerika bereist. Der Film vermittelt eigentlich eine politische oder philosophische Botschaft. Was man jedoch sieht ist das entspannte Reisen und Schauen in Amerika mit einer offenbar dafür gemachten Art von Motorrad. Der Softchopper ist die entschärfte, die europäische Variante dieser Art von Motorrad. In gewisser Weise hält der Softchopper oder Cruiser in Europa das, was der „richtige“ Chopper für Amerika verspricht.

Für das richtige Reisen ist ein Chopper allerdings nur bedingt geeignet. Zumindest für Motorradfahrer, die Bequemlichkeit schätzen. Für sie gibt es Reisemotorräder. Auf ihnen kann man lange Strecken komfortabel zurücklegen und dabei auch allerhand Gepäck mitnehmen. Eine entsprechende Leistung und ein ordentliches Drehmoment, also ein entsprechend großzügig bemessener Hubraum gehören dazu.
Fazit
Fasst man diese Betrachtungen über das Motorrad-Fahrverhalten früher und heute kurz zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Motorräder aus der Zeit des Wirtschaftswunders waren Eierlegende Wollmilchsäue, welche ihren Besitzern zu den unterschiedlichsten Einsatzzwecken dienen mussten. Das waren vor allem die alltäglichen Fahrten ganz normaler Leute, oft auch einschließlich Urlaubsreisen. Es gab aber auch damals schon Enthusiasten bis hin zu den Männern, welche Ernst Leverkus in seinen Geschichten als Windgesichter bezeichnet. Sie fuhren mit solchen Alltagsguffeln bis in ferne Länder, eventuell sogar um die ganze Welt.
Seit dem zweiten Motorradboom haben sich verschiedene Gattungen von Motorrädern herausgebildet. Das Motorrad-Fahrverhalten früher und heute richtet sich letztlich danach, was früher von einem Motorrad verlangt wurde und was man heute von ihm erwartet. Man fährt zum Spaß Motorrad und für die verschiedenen Arten, dies zu tun gibt es jeweils die passende Art von Motorrad. Wobei im Gegensatz zu früher eben Motorräder, die für die Straße gedacht sind, aus Grünen de Fahrphysik tatsächlich nur auf festen Fahrbahndecken funktionieren.
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