Wie man mit allerhand Elektrik und Elektronik einen einfachen Benzinhahn ersetzt

Das Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 Virago ist auf den ersten Blick nicht leicht zu durchschauen. Erst bei näherem Hinsehen offenbart sich die Funktionsweise. Mit einem sinnreichen System aus Schläuchen, einer Kraftstoffpumpe und einer Steuerlogik in der Zündbox wird – ein ordinärer Benzinhahn ersetzt.

Unlängst gab es bei meiner Elfie mal Molesten mit dem Kraftstoffsystem. Ein dicker Formschlauch ging kaputt und sorgte für reichlich auslaufendes Benzin. Bei der Reparatur ergründete ich die Funktionsweise der Kraftstoffversorgung meiner Guffel – die mir vorher ein Buch mit sieben Siegeln gewesen war. Allerhand Aufwand, nur um den ganz normalen Benzihahn sozusagen an den Lenker zu verlegen.

Ein ganz gewöhnlicher Benzinhahn

Beim Mopeds ist er Standard. Bei älteren und kleinen Motorrädern auch. Aber auch so manches richtig große Bike kommt damit aus: der hundsnormale Dreiwege-Benzinhahn. Das Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 leistet das gleiche wie dieses einfache Teil, allerdings mit deutlich mehr Aufwand.

Dreiwege-Benzinhahn
Ein ganz gewöhnlicher Dreiwege-Kraftstoffhahn wie ich ihn kenne, so lange ich denken kann… (Bild: Autor)

Der übliche Benzinhahn funktioniert ganz einfach: Es ist ein Dreiwege-Hahn. Also einer der einen Eingang wahlweise mit einem von zwei Ausgängen verbindet. Oder umgekehrt einen Ausgang mit zwei Eingängen. Er wird naturgemäß an der tiefsten Stelle des Tanks eingebaut. Sein Geheimnis, dass man von außen nicht sieht, ist ein kleines Röhrchen, dass ein Stück in den Tank hineinragt.

Reserveschalter Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100
… wird ersetzt durch ein Schalterchen am Lenker. Damit das funktioniert, ist allerhand technischer Krempel unter der Sitzbank erforderlich. (Bild: Autor)

Wenn der Benzinhahn geöffnet wird, verbindet man dieses Röhrchen mit dem Ausgang zum Vergaser. Das Benzin läuft nun lustig, aber nur solange der Kraftstoffstand über das obere Ende des Röhrchens reicht. Ist er bis dorthin abgesunken, kann kein Kraftstoff mehr fließen. Der Motor bleibt stehen und erinnert uns damit daran, dass es Zeit wird, zu tanken. Damit wir aber noch bis zur Tanke kommen, schalten wir den Benzinhahn um auf Reserve. Jetzt ist eine Öffnung ganz unten am Hahn mit dem Auslauf verbunden und der Rest Benzin im Tank kann auch noch verfahren werden.

Das ganze hat nun natürlich den Zweck, den Biker daran zu erinnern, dass es Zeit wird zu tanken. Motorräder hatten früher ja keine Tankanzeige und so ersann man diesen watscheneinfache Erinnerungsmechanismus. Das Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 tut genau das gleiche, nur mit allerhand technischem Aufwand und einem Schuss Elektrotechnik und Elektronik.

Das Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100: Ein kleines technisches Wunderwerk

Statt des Dreiwege-Benzinhahns gibt es bei meiner Elfie ein Schalterlein bei den Armaturen am rechten Lenkerende. Darauf steht „Fuel“ und es hat die zwei Stellungen „On“ und „Res“. Normalerweise steht dieser Schalter auf „On“. Irgendwann, es sei denn man tankt vorher, geht die Guffel durch Spritmangel aus. Anstatt nun den Benzinhahn auf Reserve zu schalten, schaltet man am Lenker um auf „Res.“. Jetzt kommt man mit der nun angezapften Reserve – hoffentlich – auch wieder bis zur nächsten Tanke.

Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 - Reservetank
Das was aussieht wie ein Tank, ist beim Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 tatsächlich ein Tank. Zusätzlich gibt es aber einen kleinen Reservetank unter der – hier abgenommenen – linken Verkleidung. (Bild: Autor)

Das ganze wird von einem raffinierten System bewerkstelligt. Daran beteiligt: der ganz normale Tank, ein Reservetank, eine elektrische Spritpumpe, allerhand Schläuche und – Elektronik in der Zündbox.

Haupttank und Reservetank

Immerhin hat meine Elfie einen ganz normalen Tank, der auch da ist, wo er hingehört: zwischen den Knien des Bikers. Zusätzlich gibt es noch einen Reservetank, der aussieht wie der separate Öltank, den es in uralten Zeiten bei Viertakt-Motorrädern oft gab. Er sitzt auch in der Gegend, wo ein solcher Öltank oft saß: im Rahmendreieck unter der Sitzbank auf der linken Seite. Nur gibt es daran keinen Einfüllstutzen, denn er ist mit dem Haupttank verbunden.

Vom Haupttank führt nun ein dicker Formschlauch zu diesem Reservetank. Parallel dazu noch mal ein Kraftstoffschlauch von normaler Dicke. Der dient offenbar als eine Art Entlüftung, damit das Benzin vom großen Tank besser durch den dicken Schlauch in den Reservetank durchläuft.

Die Benzinpumpe am Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100

Vom Reservetank geht dann wiederum ein Kraftstoffschlauch normaler Dicke zur Benzinpumpe auf der rechten Seite, von der aus es dann zu den beiden Gaswerken geht. Eine solche elektrische Benzinpumpe findet man normalerweise bei Motoren mit Benzineinspritzung. Eine Benzineinspritzung braucht nämlich eine Kraftstoffversorgung mit konstantem Druck. Bei Autos mit Vergaser gab es eine mechanische Benzinpumpe, eine Membranpumpe, die von einem besonderen Nocken an der Nockenwelle betätigt wurde. Sie lieferte den Sprit stoßweise, was bei einem Vergaser anging, nicht jedoch bei einer Einspritzanlage.

Die beiden Schläuche zwischen Haupt- und Reservetank (oben, das untere dicke Ding ist der Kabelbaum). Hier ist der gerade Schlauch verbaut, der abknickt, wie man erkennen kann, wenn man genau hinsieht. Das ging nicht gut: Die arme Elfie ist mir auf der Strecke glatt verhungert…
(Bild: Autor)

Die elektrische Benzinpumpe im Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 verhält sich auch genauso wie die eines Autos oder Motorrads mit Benzineinspritzung: Schaltet man die Zündung ein, läuft sie einige Sekunden bis sie Druck aufgebaut hat und schaltet sich dann wieder ab. Wenn man den Motor startet fängt sie wieder an zu laufen und versorgt die Einspritzanlage nach Bedarf mit Sprit. Beim Vergasermotor braucht es das aber eigentlich nicht.

Die geniale Reservefunktion bei der Kraftstoffversorgung der Yamaha XV 1100

Es gibt nun noch einen Sensor im großen Tank, der merkt, wenn dieser leer ist. Der schaltet nun das Reservelichtlein in Elfies Tacho ein. Und er ist mit einem Eingang der Zündbox verbunden. Da drin gibt es wohl eine Logik, die nun die Benzinpumpe abschaltet. So wird gewissermaßen der Zustand simuliert, der bei einem normalen Benzinhahn eintritt, wenn der Kraftstoffstand im Tank bis zum oberen Ende des Röhrchens gesunken ist.

Das erfordert nun eine Aktion des Fahrers, die in dran erinnert, dass er jetzt eine Tanke anfahren sollte. Und so wie man bei einem normalen Benzinhahn auf Reserve schaltet, schaltet man bei meiner Elfie den besagten Schalter am rechten Lenkerende um. Das merkt wiederum die Logik in der Zündbox, die daraufhin die Benzinpumpe wieder einschaltet. Und genau so wie bei einem einfachen Benzinhahn kann nun der noch als Reserve vorhandene Sprit genutzt werden. Bei der Kraftstoffversorgung der Yamaha XV 1100 ist das nun der Sprit, der sich im immer noch vollen Reservetank befindet.

Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 Virago - Reservetank mit Anschlüssen
Der Anschluss der Kraftstoffschläuche am Reservetank (Bild: Autor)

An sich ja, wie gesagt, ein kleines technisches Wunderwerk. Aber muss das sein, um lediglich eine einfachen Benzinhahn zu ersetzen? Dem Augenschein nach liegt nämlich das untere Ende des großen Tanks genauso hoch über den Vergasern, wie das auch bei Motorrädern mit ganz normalen Benzinhahn der Fall ist. Ich hege den stillen Verdacht, dass hier bei der Konstruktion ein Gnom aus dem Warcraft-Universum am Reißbrett stand. Wie der wohl in die Konstruktionsabteilung der Klavierfabrik gekommen sein mag?

Der einzige echte Vorteil, den ich sehen kann, besteht darin dass man eben noch die Kraftstoffreserve in dem kleinen Tank unter der Sitzbank unterbringen kann, ohne dass der Haupttank wuchtiger wird. Dessen Auslauf liegt tiefer als die Vergaser, deshalb macht er die Spritpumpe notwendig.

Schlauchproblem bei der Kraftstoffversorgung der Yamaha XV 1100

Dieser dicke Schlauch zwischen dem Haupt- und dem Reservetank ist nun eine neuralgische Stelle. Wenn er kaputt geht, läuft in kürzester Zeit der komplette obere Tank aus. Ich spreche da aus Erfahrung. Da es ein Formschlauch ist, muss man ihn durch ein Originalersatzteil ersetzen, wenn er kaputt ist. Dummerweise ist er mit 56 € nicht ganz billig. Einen einfachen dicken Kraftstoffschlauch zu verwenden, geht schief. Auch hier spreche ich aus eigener Erfahrung.

Benzinpumpe  Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100 Virago
Was hinter dem hinteren Zylinder an eine aufmontierte Lichtmaschine erinnert, ist in Wirklichkeit die Kraftstoffpumpe, welche Elfies beide Gaswerke mit Pistensaft versorgt (Bild: Autor)

Dieser Schlauch geht nämlich zweimal um die Ecke. Einmal ziemlich scharf. Wenn man einen normalen geraden Schlauch verwendet und ihn dann auch noch – damit man den Reservetank besser montieren kann – großzügig bemisst, knickt er ab. So ist es mir nämlich gegangen: Es gab da nämlich auch noch eine kaputte Steckverbindung unter meiner Sitzbank, die gerne beim Fahren auseinandergegangen ist. Wenn das passiert ist, musste ich die Sitzbank abnehmen und die Steckverbindung zusammenstecken. Da eine der Befestigungsschrauben des Reservetanks gleichzeitig eine der Befestigungsschrauben der Sitzbank ist, muss man unweigerlich mit dem Reservetank rumfuhrwerken, wenn man die Sitzbank wieder drauf.

Dabei habe ich dann offensichtlich den Schlauch abgeknickt. Und nun ließ mich meine gute, alte Elfie im Stich. Heimkehr mit dem ADAC. Erst am anderen Tag überlegte ich mir anhand des Fehlerbilds, was da passiert war: Nachdem ich die Steckverbindung in Ordnung gebracht hatte, ging natürlich alles wieder, einschließlich Benzinpumpe und Anlasser. Aber die Benzinpumpe ging nicht aus wie sich das gehört.

Natürlich, weil der Schlauch abgeknickt. So konnte kein Benzin aus dem großen Tank in den Reservetank nachfließen. Weil die Spritpumpe den Sprit von dort holt, bekam sie keinen Sprit mehr. Ohne Sprit kein Druck, ohne Druck keine Abschalten. Und natürlich kein Sprit für die Gaswerke. Rien ne vas plus. So langsam wuchs mein Durchblick bei der Funktionsweise der Kraftstoffversorgung der Yamaha XV 1100.

Fehlerbehebung

In der Schrauberbude baute ich die Sitzbank runter, bog den Schlauch provisorisch ein wenig zurecht – und schon guffelte Elfie wieder auf den ersten Druck auf den Anlasser munter vor sich hin. Fahren war so aber zu riskant.

Haupt
Der neue Kraftstoffschlauch. 56 Stutz. Ganz schön happig! Dafür ist er aber auch ein Original-Ersatzteil und auf dem Tütchen steht laut und deutlich: Klavierf… äh, Yamaha. (Bild: Autor)

Ich bestellte mir also den Schlauch. Dann versuchte ich eine vorläufige Reparatur des alten Schlauchs mit Klebeband. Pustekuchen. Wieder einmal ein paar Liter Sprit auf dem Boden der Schrauberbude.

Weil ich nun befürchtete, dass die Lieferung des originalen Schlauchs dauern würde, was es auch tat, sann ich auf eine haltbarere Notreparatur. Ich schnitt das kaputte Stück Schlauch ab, welches nahe am Stutzen des Reservetanks war. Jetzt war der Schlauch natürlich zu kurz. Ich schnitt ihn also zwischen der zweiten Biegung und dem Ende beim Reservetank ab. Dann setzte ich ein Stück passendes Kupferrohr mit Schlauchschellen zur Verlängerung ein. Das hat den ersten – oder besser den zweiten, der erste versuch endete ja mit dem ADAC – Frühlingsausflug überlebt. Das Problem mit der kaputten Steckverbindung habe ich bei der Gelegenheit auch gleich beseitigt. Aber jetzt kommt endlich der neue Schlauch rein, damit auch ganz gewiss Ruhe ist beim Kraftstoffsystem der Yamaha XV 1100.